Bericht 2 – Südamerika zum Dritten 2015/16


Nach 38 Tagen auf See endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Die Stadt Montevideo ist für unseren Geschmack wenig reizvoll. Also gleich weiter nach Colonia, dem schön restaurierten uruguayischen  Städtchen, das die Portugiesen 1680 gegründet haben. Das alte Schmugglernest hat eine wechselhafte Vergangenheit 01unter der Herrschaft von Portugiesen, Spaniern und Engländern hinter sich. Heute ist die Altstadt mit dem Leuchtturm, dem Kopfsteinpflaster und den alten Häusern ein Touristenmagnet. Bei unserem letzten Besuch haben wir an lauen Abenden draußen gesessen und beim Wein den Sonnenuntergang über dem Meer bewundert. Aber jetzt ist Vorfrühling. 05Die Bäume haben gerade Blätter bekommen, es ist kühl und windig –statt draußen sitzen wir im geheizten Auto.
Zwei Seelen wohnen ach in unserer Brust. Die eine will Sonne und Wärme – dazu müssten wir nach Norden. Die andere will die Wale sehen, dazu müssten wir in den kalten Süden. Die Wale siegen, denn nur bis Ende November kann man sie an einigen Stellen der patagonischen Küste sehen. Um von Uruguay nach Argentinien zu kommen, haben wir die Wahl zwischen der Fähre und einer Fahrt von ca.400 Kilometern durch plattes Land. Wir nehmen für rd. 200 € die Fähre von Colonia nach Buenos Aires. Die Fahrt hat einen Nachteil, große Autos werden nur bei Abfahrt morgens um 4.30 h mitgenommen, und eine Stunde früher müssen wir im Hafen sein. Als wir unser „Opamobil“ in den Bauch der Fähre gefahren haben, merkt niemand, dass wir gar nicht aussteigen. Während der dreistündigen Überfahrt können wir noch ein bisschen schlafen. Buenos Aires empfängt uns mit Sonne, Wärme und einem Feiertag. Am 12. Oktober 1492 hat Kolumbus die Neue Welt erreicht, daher feiert  Argentinien den „Kolumbustag“. Wir genießen ihn bei einem phantastischen Essen zusammen mit unserer argentinischen Freundin Celina im Restaurant „Las Lilas“ in Puerto Madero. Später schlendern wir durch die Straßen und schauen jungen Leuten beim Tanzen zu. Wir waren schon mehrmals in dieser faszinierenden Stadt, deshalb bleiben wir diesmal nur zwei Tage. Die Ausfahrt aus der 20 Millionen Metropole ist ein ganz spezielles Erlebnis. Zuerst zügig auf der Stadtautobahn, dann endlos durch Straßen mit gefühlten 500 Ampeln, und alle immer rot. 3 Stunden brauchen wir, ehe wir in das platte Umland 08kommen. Die Fahrt durch plattes Land setzt sich in den nächsten Tagen fort. Rechts und links Wiesen mit glücklichen Kühen, dazwischen noch unbestellte Felder. Plötzlich wuseln neben der Straße über mehrere Kilometer immer wieder kleine schwarze Tiere rum. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als Meerschweinchen. In Peru würden sie auf dem Grill landen, hier dürfen sie sich ihres Lebens freuen. Auf den teilweise noch überschwemmten Wiesen stehen zahlreiche Störche. Sie sehen hier ein bisschen anders aus: Die Beine sind nur zart rot, der Schnabel zur Hälfte beige, die untere Hälfte dunkelgrau.
Weitere zwei Tage später und einige Hundert Kilometer weiter wird der Boden karger, Patagonien naht. Statt der glücklichen Kühe weiden jetzt häufiger Schafe hinter den endlosen Zäunen an beiden Seiten der Straße. Ab und zu taucht ein Schrein für Gauchito Gil auf, einer Art Robin Hood der Argentinier. Beim Vorbeifahren zu hupen bringt Glück, noch besser ist es natürlich eine kleine Gabe wie Zigaretten, Autoersatzteile oder Wein zu hinterlassen. Hinter Bahia Blanca auf der Ruta 3 kommt die Lebensmittelkontrolle. Rohes Fleisch, Gemüse und Obst dürfen nicht nach Patagonien eingeführt werden. Wir haben alles aufgegessen oder gekocht und dürfen nach einem kurzen Blick in unseren Kühlschrank weiter. Die Ruta 3 sind wir schon 2011 nach Süden gefahren, und genau wie damals zweigen wir hinter Viedma  ab auf die Ruta 1 und kommen nach El Condor.
Zwischen September und Januar nisten hier Tausende von Papageien in den Steilklippen. Die sehen aus wie Schweizer Käse, mit den zahllosen Bruthöhlen, die die Vögel mit ihren Schnäbeln geschaffen haben. Was für ein Gekreische und Geplapper über uns, nebe20n uns und um uns. Wir können uns kaum sattsehen an den grünen Schönheiten mit ihren gelben Brüsten und dem roten Fleck. Immer wieder fliegen sie auf, kreisen, fliegen wieder an die Klippen. Einige Pärchen sitzen angekuschelt vor ihrer Höhle wie ein altes Ehepaar. Direkt am Zugang zum Strand stehen wir über 24Nacht und werden sehr früh von den kleinen Schreihälsen geweckt. Die Morgensonne bescheint die Klippen,  wir machen Fotos ohne Ende.
Nur rd. 30 Kilometer weiter ist beim Ort La Loberia eine der größten Robbenkolonien Nordpatagoniens. Leider sieht man sie nur von einer Aussichtsplattform hoch oben an der Riffkante. Selbst mit dem 300er Tele schwierig zu fotografieren.
 In Puerto Madryn bekommen wir von  französischen Wohnmobilisten einen guten Tipp: „Fahrt zur Bucht ‚Las Canteras‘, die Wale kommen dort fast bis an den Strand.“
Es ist der 20. Oktober, ein herrlicher Tag, fast windstill, 24°C. Knapp 20 Kilometer noch bis zur Buch. „Da sind sie ja schon“, ruft Per, als wir nach „Las Canteras“ einbiegen. Tatsächlich – vor uns sind die riesigen Leiber von54 drei Walen, wirklich nicht mehr als 20 m vom Ufer entfernt.  Ab und zu kommt ein Kopf voller Seepocken hoch, dann wieder sehen wir nur Seitenflossen (Flipper), liegt er gerade auf dem Rücken? Mit etwas Glück erkennen wir das Jungtier neben der Mutter. Sie muss dem Nachwuchs das regelmäßige Auftauchen und Luftholen beibringen. Der Anblick dieser Riesen mit ihren 15-18 Metern Länge und rd. 50 Tonnen Gewicht ist überwältigend, obwohl sie nicht gerade Schönheiten sind. Schon die Jungtiere sind bei der Geburt 4-5 Meter lang. Während die Mütter hier ohne Nahrung bis Ende November die Walkälber behüten, haben 63sich die Machos schon längst wieder auf den Weg nach Süden gemacht.
Wir sind nicht die einzigen Bewunderer der Giganten. Ein paar Dutzend Menschen stehen mit uns am Strand, fasziniert von dem ständigen Auf- und Abtauchen der Riesen.
In „Las Canteras“ darf gecampt werden. Vor unseren Fenstern erstreckt sich das Meer, immer mal wieder taucht ein Wal auf. „Hier bleiben wir ein paar Tage, genießen und machen Wal-Fotos“,  beschließen wir voller Optimismus. Wir haben die Rechnung ohne das patagonische Wetter gemacht. Am nächsten Tag gibt‘s Regen, und dann kommt der Wind. Er heult mit 7 Windstärken ums Auto, weiße Schaumkronen schmücken das Wasser, kein Wal lässt sich blicken. Wir hocken im Auto, haben immerhin eine schöne Aussicht, aber beim Versuch die Kabinentür zu öffnen, fliege ich fast mit raus.
Ein Tag im WOMO, schreiben, lesen, Musik hören – es reicht. Wir fahren weiter auf die Peninsula Valdes. Beim Touri-Office spricht jemand ausnahmsweise Englisch und informiert uns hervorragend. Im Norden liegt der Golfo San José, im Süden der Golfo Nuevo. Der (kalte) Wind kommt von Süden, also ab an die nördliche Buch. Hier sollten wir relativ windgeschützt stehen- aber wirklich nur relativ. Selbst im Schutz einer Steinhütte pfeift der Wind heulend ums Auto. Doch die Tür können wir wenigstens aufmachen.
 Am nächsten Morgen zieht weit draußen in der Bucht ein Wal vorbei. Der Wind hat stark nachgelassen, wir fahren weiter nach Puerto Piramides. Hier werden trotz Kälte und grauem Himmel Boote mit Menschen randvoll gepackt. Lustig sehen sie aus, alle mit den gleichen Regenumhängen und orangefarbenen Schwimmwesten. Obwohl der Preis mit rd. 55 € doch recht hoch ist, streben ganze Busladungen zum „Whale Watching“.  Wir haben es einfacher, in der Bucht „Punta Pardelas“ werden Wohnmobile geduldet. Umgeben von hohen spärlich bewachsenen Dünen, gibt es eine Reihe ebener Stellplätze mit Traumausblick, und  das Meer fällt von der Küste steil ab.  Wenn man Glück hat, kommen Wale dicht ans Ufer. Wir haben Glück, am nächsten Morgen zieht bei strahlend blauem Himmel und mäßigem Wind eine Mutter mit ihrem Kalb vorbei, aus nur etwa 10 m Entfernung sehen wir ihre Köpfe beim Auftauchen und hören ihr Schnaufen beim Blasen.
Zwei Tage, dann ziehen wir weiter. Zuerst einmal zurück nach „Las Canteras“. Es ist Sonntag, viele 55argentinische PKWs stehen hier, Ausflügler sitzen trotz Wind und Kälte dick eingepackt am Strand.  Kaum haben wir ein Plätzchen für die Nacht gefunden, kommt Bewegung in die Besucher. Alle strömen ans Wasser. Gleich zwei große Wale mit ihren Kälbern schwimmen in unmittelbarer Nähe des Strandes, tauchen immer wieder schnaufend und blasend auf. Möwen versuchen auf den Tieren zu landen und ihnen ein Stück Fleisch heraus zu hacken. Schlimme Wunden sind die Folge, wenn es ihnen gelingt. Der Kopf des Wals kann bis zu 40% der Körperlänge ausmachen und er besteht überwiegend aus Maul. Will er uns das beweisen? Einer reißt direkt vor uns sein riesiges Maul so weit auf, dass wir die Barten und sogar die Zunge erkennen können. Fast eine Stunde dauert die Vorstellung, ehe die Wale abdrehen und in die Bucht hinaus schwimmen.
Das patagonische Wetter ist unberechenbar. Am nächsten Tag brennt sie Sonne vom wolkenlosen Himmel, und wir fahren 75 Kilometer Staubstraße immer geradeaus durch plattes baumloses Land – patagonische Pampa. 67Ziel ist die Steilküste beim Leuchtturm von  Punta Nintas. Ein abenteuerlicher Abstieg führt runter ans Meer zu den Seeelefanten. Erst bin ich ein bisschen zu feige um mit Hilfe von Seil und Jakobsleiter an der steilen Klippe runter zu klettern, aber dann siegt der Wunsch, den Tieren näher zu kommen. Keine großen Gruppen sind hier versammelt, am Kiesstrand liegen nur vereinzelt weibliche Tiere und ihre Jungen, die männlichen patrouillieren im Wasser vor der Küste um ihren Harem zu verteidigen. Schon von oben haben wir zwei Bullen im Kampf gesehen und unten beobachten wir, wie ein sich nähernder Rivale vom73 „Platzhirsch“  sofort wütend vertrieben wird. Die weiblichen Tiere liegen bewegungslos am Strand, erst glauben wir bei einigen, sie seien tot. Aber wenn wir uns nähern, blinzeln sie allenfalls unwillig,

schnaufen kurz oder gähnen und schlafen weiter. Die Jungtiere mit ihren großen braunen Augen möchte man einfach nur knuddeln. Man kann es sogar fast. Besonders wenn man über den Boden robbt, kommt man bis auf wenige Zentimeter an sie heran. Ein Junges hat sich tatsächlich zu ein paar Einheimischen gelegt, die angeln und Picknick machen. Nicht einmal deren mitgebrachter Hund kann es verschrecken. Es ist 77anrührend, wenn Tiere weder ängstlich noch aggressiv auf uns reagieren; ungern reißen wir uns los und machen uns an den beschwerlichen Aufstieg. Als hätte der Tag nicht schon genug Großartiges geboten, sehen wir von oben einige Orkas (Schwertwale) an der Küste entlang ziehen.
Fast 2.000 Kilometer südlich von Buenos Aires sind wir jetzt, jeder Kilometer hat sich gelohnt. Aber weiter südlich wollen wir nicht mehr. Ab Trelew werden wir etwa 600 Kilometer quer durchs Land nach Westen bis Esquel fahren und dann - ab nach Norden in die Wärme.68

Letzte Meldung: Während Per im Auto sitzt und den Bericht hoch lädt, gehe ich zum Supermarkt. Wir stehen in der Hauptstraße direkt neben dem Touri-Büro. Das Fahrerhaus ist nicht abgeschlossen, aber die Schiebetür nach hinten ist halb zugezogen. Als die Beifahrertür aufgeht, meint Per ich sei zurückgekommen. wenige Sekunden später merkt er, dass zwei Halbwüchsige sich zügig entfernen. Es ist ihnen blitzschnell gelungen, den Monitor von unserer Rückfahrkamera abzureißen und mein Handy mit zwei deutschen SIM-Karten zu klauen. Gerade komme ich von der Polizei und habe eine schöne lange Anzeige unterschrieben, von der ich nicht alles verstehe.